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Die Oase und ihre Feuergötter

Ja, die Geister die man ruft… 

Guten Morgen aus Berlin. Ich mache mit euch heute schon wieder einen Ausflug in die Berge. Dahin, wo die Welt noch in Ordnung scheint – oder doch nicht?

Alles fährt nach Österreich und trotz neuer Verbindungsbahnen zwischen den Skigebieten hat man in der Schweiz deswegen das leidige und hartnäckige Währungsproblem mit dem Franken bei den Nächtigungszahlen (zum Beispiel verlor das mondäne St.Moritz die letzten Jahre mehr als 30% an Übernachtungen). Nach bergbahneigener Aussage, setzte man deswegen auf der Lenzerheide jetzt gezielt auf Gäste aus dem oberen und solventen Segment. Dazu reisst man seine Bergrestaurants ab und verwandelt sie in Foodie-gerechte Fresstempel der gehobenen Klasse. Der liebe Nachbar in Laax hat sich damit kürzlich auf die Nase gelegt und nach nur einer Saison ziemlich Personal in den eben zahlreich neu eröffneten Hipster-Lokalen am Berg entlassen müssen. Da nützte auch die innovative Bestellmöglichkeit für Fastfood per bereitgestelltem Wifi in der Gondel nichts mehr.

Lieber spät als nie entdeckte man also dann kürzlich wohl eher gezwungenermassen und gefühlte Lichtjahre nach den Vorbildern in Nordamerika die finanziell potenten (Downhill-)Biker der nahen urbanen Regionen für sich. Für die hat man sodann einen veritablen Bike-Park in die gerodeten Flächen gezimmert, so ähnlich wie die neue Schlittelbahn mit Nachtbeleuchtung auch schon. Oder der damaligen Weltcuppiste. Oder dem viel vom Umweltschutz diskutierten Verbindungs-Sessellift. Ja, man hat schliesslich Erfahrung mit dem nicht so umweltverträglichen Anlegen von Waldschneisen. Die neue Gondel mit dem Charme eines Parkhauses passt dazu (nein, nicht die Design-Bahn von Porsche, den postmodernen Klotz im Industrial-Chic beim Parkplatz am See meine ich). Und nun bewirbt man (zur Gerechtigkeit, die etwas kompliziert assoziierte „Bikeregion Arosa-Lenzerheide und der UCI Bike-Weltcup-Lenzerheide) ganz indirekt und wunderbar subtil die getätigte Investition. Mit einem Video:

Selbstgefällig stilisiert der Geschäftsführer der „Ferienregion Lenzerheide“ als Gastbeitrag in der einzigen noch unabhängigen lokalen (Online-)Zeitung „GR-heute“ das Video etwas unglücklich zum dringend benötigten Storytelling im Tourismus hoch. Die grösste nationale Umsonst-Gazette „20min“ postet das Video zusammenhangslos nachdem es wahrscheinlich wegen der vielen Klicks und über ein entsprechendes Suchwerkzeug den Weg in die Redaktion fand, pardon, in den Newsroom. Und nach heutiger Kommunikationswährung der Klicks und dem Engagement reiben sich wohl die Gratiszeitung wegen der vielen negativen Kommentare und die Touristiker auf der Heide wegen provozierter Aufmerksamkeit vor Aufregung die Hände. An Quartalssitzungen wird dann wahrscheinlich mit stolzgeschwellter Brust erklärt, dass die Reichweite fantastisch gewesen sei und man aber sowas von im Gespräch sei, die Medienaufmerksamkeit würde es bestätigen! Leider mache sie da die Rechnung ohne den Wirt, denn die Facebook-Statistiken geben nur quantitativ Auskunft und nicht qualitativ. Wie das Video rezipiert wurde, das wird nicht erhoben.

Bau der Weltcup-Bike-Piste

Dass man aber in ökologisch sensiblen Zeiten mit Ölfässern, Flammengewehren, Ultrapower-Föhn, sogar Militärjets, welche Skipisten bombardieren und anderen tollen Symbolen der eher nicht so umweltverträglichen Art um sich wirft und feuert, scheint für die Message der selbsternannten „Oase“ in den Bergen und deren Markenwert als naturverbundene Familiendestination eine, gelinde gesagt, eher grenzdebile Aktion. Schön, dass jetzt auch jeder deutlich weiss, dass die Destination, ganz nach ihrer langjährigen Tradition, im Anlegen und Bereitstellen von Infrastruktur vor nichts zurückschreckt. Wer hat sich das ausgedacht und wer hat es dann auch noch abgesegnet, so pünktlich auf die Wahl hin zur Energiezukunft dieses Landes? Holla liebe Waldfee, mit versengtem Feenkleid flüchtest du dich hinter den nächsten noch unversehrten Baum, verdrückst ein Tränlein und schämst dich für diese kurzsichtige Werbemassnahme.

Getreu nach dem Motto, wenn man nichts mehr zu sagen hat, dann ist auch schlechte Kommunikation noch PR…

Man könnte bei eventueller Kritik vielleicht schnell schwadronieren wollen, dass damit nur eine bestimmte Zielgruppe angesprochen sei und man mit etwas Menschenverstand natürlich erkenne, dass die Ironie in der Story das Telling natürlich total entschuldigen würde (äh, also nur im Fall, das war jetzt auch Ironie…). Dass aber dank sozialer Vernetztheit und dem Tamedia-Verlag nun auch alle anderen Anspruchsgruppen des alpinen Resorts mit diesem beinstellenden Spektakel adressiert worden sind und sich so ihre buchstäblich befeuerten Gedanken machen, das vergisst man lieber im Taumel der kurzfristigen Zugriffsraten auf YouTube. Vielleicht vergisst dann hoffentlich die sensible Kundschaft auch, die gerne im nahen Ausland bucht, dass eher unbemerkt die Eintritte für dieses idyllische Paradies den nächsten Winter gerade auf geschlagene, sagenhafte 75.- CHF pro Tageskarte erhöht wurde.

Schein vs. Sein…

Bei Risiken und Nebenwirkungen: selber schuld!

Den herzlich trolligen Dialog in den Kommentarspalten über seine eigenen Werte hat man nun im als nach aussen einheitlich wahrgenommenen Ferienort ganz selbständig neu „angeheizt“. Klimawandel? Wie hören? Nein, Imagewandel! Da nützt auch die so unglaublich grüne und vorbildlich vermarktete Solarzelle auf der neuen Seilbahnstation nichts mehr. Ich spreche von der Station bei welcher durch den Bau derselben die dortigen Quellen, und somit das Trinkwasser der nahen Stadt Chur, verseucht wurden. Und jetzt also ein Spot mit Ölfass auf schmelzenden Skipisten – war diese versteckte Analogie zur globalen Erwärmung gewollt oder ist sie tatsächlich unbewusst und danach fahrlässigst unbemerkt neben der grauenhaft bemühten Komik der anderen Protagonisten entstanden? Ernsthaft, welcher halbwegs normal denkende Mensch soll sich jetzt mit diesen strunzdummen und jedem Zeitgefühl widersprechenden Reklame-Attributen identifizieren? Gäste mit dem Intellekt einer Türfalle vielleicht, welche die letzten zehn Jahre unter einem Stein lebten und von der Energiedebatte und Beschneiungsproblemen wegen zu warmen Temperaturen auch gar nichts mitbekommen haben? Hust, Gesundheit und „ride on“, liebe Lenzerheide. Aber da ging etwas gewaltig schief. Hoch zwei. (Letzteres ist der innovative Claim der Destination). Als möchtegern „Digital-Marketer“ habt ihr bös daneben „ge-influenct“. Euer Bike-Event mag ein grosser Erfolg werden (immerhin sind 50% der Sommergäste mittlerweile Biker), aber all die vergällten Stammgäste, welche lieber nicht mehr kommen, sind der dann lieber doch versteckte aber nicht zu verachtende und immense Schaden für die Marke. Im Geschäftsbericht wird wie immer das Wetter, das chronisch schwierige Marktumfeld, die Geopolitik um die halbe Welt und die Nationalbank schuld sein. Wenn’s schon kriselt, sollte man vielleicht etwas demütiger und naturfürchtiger auf bescheidenere Erzählungen zurückgreifen. Dass ihr das da oben könnt, habt ihr mit dem wunderschönen Kunstprojekt „Zauberwald“ bewiesen. Oder Angebote wie zum Beispiel vom Hotel Schweizerhof in Lenzerheide, welches Lesungen durch Autoren im hoteleigenen Hamam anbot, die sind revolutionär. Nicht grosskotzige und geschmacklose Umweltterror-Proletik. Auch die Biker wollen sich nicht als Zerstörer und Klimaschänder verstehen. Man übt schliesslich Sport in der Natur aus und ist unter anderem auch gerade deswegen in eure Region gefahren.

PS: Als Empfehlung wären ja so viele andere tolle Geschichten am Rothorn zu finden. Zum Beispiel die alten Goldminen. Ach, obwohl, das könnte man jetzt ebenfalls falsch assoziieren… Mensch, man hat’s nicht einfach, aber einfach hat’s einem!

Das Kunstprojekt Zauberwald

Als Hintergrund: Der Autor dieser Zeilen hat zeitweise in der Nähe der besagten Oase studiert und besitzt, auch nicht so solvent, selber ein Downhill-Bike. Der angenehm versteckt gelegene und umwelttechnisch sehr vorsichtig von der Bike-Community (derer er aber nicht zugehörig ist) selbst errichtete Bikepark am Berg gegenüber, auf Brambrüesch, hat ihn mehr begeistert. Und er glaubt, dass neue Narrative in der touristischen Kommunikation durchaus dringend notwendig sind, aber wohl doch eher im Stile des 21. Jahrhunderts angegangen werden sollten. Die gewählten Worte vertreten übrigens deutlich eine persönliche Meinung. Ich geh jetzt die verschreckte und traumatisierte Waldfee trösten. Bis bald.

 

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